Interview.

„Wie fühlst du dich nach fast einem Jahr Pandemie?“

„Wie ich mich fühle? Großartig. Im Augenblick. So schwierig diese Zeiten auch sind und so isoliert wir auch leben hat sich eines in diesem, nun fast ganzen, Jahr deutlich herauskristallisiert: Das Gefühl geliebt zu werden. Dazu gesellt sich das Gefühl verliebt zu sein. Immer und immer wieder neu.“

„Woher kommt dieses Gefühl?“

„Ganz einfach: Ich merke es jeden Tag. Manchmal stehe ich in meiner Wohnung und schaue etwas an, oder lese eine Zeile, oder schweife mit meinen Gedanken ab und plötzlich macht es ‘pling‘ und dann leuchtet genau die Nachricht auf von dem Menschen, an den man gerade gedacht hat.

Auf diese Weise wird einem bewusst, wie sehr man doch mit den liebsten Menschen in der Ferne verbunden ist. Und es ist ein unglaublich schönes Gefühl. Es ist ähnlich, wie das Gefühl beisammen zu sein. Verstehen Sie?“

„Ohja, dass verstehe ich durchaus. Jedoch ist das alles, was man braucht in dieser Zeit?“

„Nein, natürlich brauchen Lebewesen der Gattung Mensch auch feste Umarmungen, oder sei es so einfache Dinge, wie eine Berührung der Hände, oder ein liebes, beruhigendes Wort. Menschen, wie Sie und ich brauchen aufmunternde Worte der Hoffnung, viel mehr noch der Wertschätzung. Denn das kommt in unserem stressigen Alltag und dieser Zeit immer viel zu kurz.“

„Aber gerade das, die Berührung, kommt doch in der heutigen Zeit der Pandemie viel zu kurz.“

„Sicher. Darum ist es auch umso wichtiger, dass man Regelmäßigkeiten entwickelt. Das man sich ab und an, über die uns zur Verfügung stehenden Mittel, wie Skype, FaceTime, oder ähnliches, sieht, dass man sich kleine Überraschungen macht und sich immer wieder deutlich macht, dass man für den anderen da ist. Dass man das Ganze gemeinsam durchsteht. Doch viel mehr ist es wichtig den anderen mit all seinen Sorgen und Ängsten anzuhören. Denn nichts ist schlimmer als sich von seinen eigenen Ängsten zerfressen zu lassen.“

„Glauben Sie, dass es fatale Folgen haben wird auf emotionaler Ebene?“

„Ja natürlich, denn das Digitale kann nicht das Wahrhaftige, das Echte ausgleichen. Wir brauchen es uns zu berühren, zu umarmen, zu liebkosen. Wir brauchen es uns lange anzusehen und zu spüren, dass uns gegenüber ein Lebewesen aus Fleisch und Blut sitzt, welches uns mit unserem kompletten Sein und Fühlen wahrnimmt. Im Moment kommt all dies zu kurz und manchmal habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass wir ein wenig verkümmern und abstumpfen. Habe das Gefühl, dass wir schon so weit reingezogen sind in das System, der digitalen Welt, dass wir verlernen klar zu kommunizieren, was wir uns wünschen. Auch habe ich die Befürchtung, dass wir mehr und mehr die Verbindung zu uns selbst verlieren. Ich meine wer kann heute noch sagen, was denn wirklich seine Bedürfnisse sind? Wer kann sagen, was er sich wirklich aus tiefsten Herzen wünscht, was er begehrt und was seine Leidenschaften sind?“

„Wie wahr, wie wahr. Doch können Sie es für sich persönlich?“

„Ich muss zugeben, dass dies für mich auch sehr schwerig ist und ich immer wieder die Beziehung zu mir selbst suche. Ja, oft scheitere ich daran und muss mich wieder neu aufrappeln und für mich selbst ausloten, was gerade für mich wichtig ist, und was ich mir wirklich wünsche, oder viel mehr noch mich damit konfrontieren, was mir wirklich fehlt.“

„Ich stelle mir das sehr schwierig vor, wie machst du das und inwiefern hat das dein Leben in diesem Jahr, der Pandemie, bestimmt?“

„Genau betrachtet ist dies richtig einfach, man muss nur weg von der ganzen Elektronik. Klar hat diese auch große Vorteile, aber um sich selbst zu spüren muss man weg davon. Vor allem muss man wieder lernen Stille auszuhalten und da bin ich jetzt voll und ganz dabei. Mir ist aufgefallen, dass ich schon eine leichte Konzentrationsschwäche bekommen habe, weil ständig erhascht irgendein Piepton, oder ähnliches meine Aufmerksamkeit und man glaubt es ist super wichtig, aber, wenn man den Dreh raus hat, dass man sichselbst am Wichtigsten sein sollte, dann kann man das leichter abstellen. Und, wenn man dann noch merkt, dass es extrem beruhigend ist, wenn mal nichts piept, oder irgendein Geräusch zu hören ist, dann kann das Gehirn auch endlich wieder entspannen, und genau das ist der Beginn, wo es möglich ist, dass wir uns selbst wahrnehmen können, und uns wirklich bewusst machen können, was wir brauchen, und das ist nicht zwangsläufig ein ständiger Austausch. Die Ruhe und das Wahrnehmen hat in diesem Jahr insofern mein Leben bestimmt, dass ich neu für mich begreifen musste, wie viel ich mir zumuten kann und insbesondere, dass ich lernen und verstehen musste, wie man sich abgrenzt und ab wann dies auch notwendig ist.“

„Würdst du sagen, dass du die Pandemie positiv erlebt hast?“

„Ja und nein. Nachdem ich vermehrt Atemübungen in meinen Alltag integriert habe, also richtiges und bewusstes Atemen fiel es mir mehr und mehr leichter mich selbst zu spüren und Momente besser zu genießen und entspannter zu werden. Gerade vor der Pandemie hatte ich ein wenig mit Panikattacken zu kämpfen und ich will nicht sagen, dass sie vollkommen verschwunden sind, aber sie haben sich stark gebessert, was ich unter anderem dem Atmen zu verdanken habe, weil ich so besser herausfinden konnte, ob da etwas ist, was meine Umgebung, oder eher mich betrifft, bzw. liegt das Problem jetzt wirklich im Außen, oder nicht. Denn oft versetzt uns etwas in Angst/Panik, was aber gar nicht mit unserem Inneren zu tun hat. Auch war es für mich am Anfang mühsam, aus meinem turbulenten Leben ein ruhigeres zu machen. Ich war es gewohnt viel unterwegs zu sein und allmögliche Leute zu treffen und mit einem Schlag war das alles weg. Am Schlimmsten hat mich bestürzt, dass die Reise über meinen Geburtstag abgesagt wurde. Ich habe viel und lange geweint, weil mir das überaus wichtig war, diesen Tag mit jemanden zu verbringen, der mir wirklich nahe ist und schon so etwas, wie eine Familie. Gefühlt brach eine Welt über mir zusammen. Und dennoch habe ich diese Pandemie sehr positiv erlebt. Denn ich hatte Zeit mich mit den Dingen zu beschäftigen, die ich sonst vor mir herschiebe, oder für dich ich immer eine Ausrede parat hatte, wieso ich sie gerade jetzt nicht machen kann. Aber dazu muss auch der Wille vorhanden sein, Sachen angehen zu wollen.“

„Was meinst du, wie nachhaltig sind solche Sachen?“

„Ich glaube schon, dass wenn man bereit und gewillt ist etwas zu verändern, dass man das auch in seinen neuen Alltag integrieren kann und dennoch bin ich froh, wenn ich mal wieder jemanden umarmen kann. Denn schließlich ist und bleibt die Haut unser größtes Organ über das wir die meisten Informationen aufnehmen und verarbeiten. Um seelisch gesund zu bleiben ist es von immenser Bedeutung. Wie bereits gesagt, das Digitale kann nicht ersetzen, wie wir Sachen fühlen, oder wahrnehmen und es ist auch kein ausgleich, denn das was wir über Berührung lernen hat einen riesigen Mehrwert für uns alle. Es dient uns zur Einordnung im Verhältnis zu anderen, senkt unser Stresslevel, und es stärkt unser Immunsystem, und gerade jenes kann man in solchen Zeit mehr als alles andere brauchen.“

„Welches Fazit würdst du den Lesern mitgeben?“

„Man kann nicht einfach sagen haltet durch es ist bald geschafft. Viel eher würde ich sagen: Nutzt diese Zeit, auch wenn sie anders ist, wie man es sonst kennt. Erst recht kann man so viel wunderbares, berauschendes und wohltuendes entstehen lassen. Es ist immer eine Frage des „Wie nutze ich meine Zeit/diese Krise.“, und mir geht es nicht nur um den Aspekt der eigenen Konfrontation, viel mehr geht es mir darum, dass man sich vielleicht ein bisschen aus der Verblendung und dem Alltagstrott herausbewegen kann. Dann macht man die Workouts eben gemeinsam über FaceTime, oder man ruft eben öfters mal an und fragt, wie der andere denn nochmal die ultra köstliche Tomatensoße gemacht hat, oder man schickt eben mal einen netten handgeschriebenen Brief, denn das sind Werte und vor allem sagt man damit: „Hey, ich denk‘ an dich.“ Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, was wir gerade in dieser schnelllebigenden Gegenwart alles für Mittel haben, die wir durchaus für viele positive Aspekte nutzen können. Man muss es sich nur immer wieder bewusst machen, und es vor allem nutzen. Ja, ich fühle mich ausgezeichnet und fabelhaft, weil ich nach und nach dagegen angekämpfe mich dem Negativen zu widersetzen. Gerade eben habe ich ein paar Blumen aufgestellt, um mir selbst eine Freude zu bereiten. Den Glauben an Wunder sollte man nie verlieren, denn er hält unser Gehirn wachsam.“

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