Nur weil ein neuer Tag ist, heißt es nicht, dass sich auch alles andere geändert hat. Aber aus einem neuen Tag kann man eine neue Kraft schöpfen. Man kann tatsächlich etwas ändern, nicht nur in der Welt, vor allem in sich selbst. Denn was viel, viel wichtiger ist: Man ist ein Teil in dieser Welt, und oft sind es die klitzekleinen Dinge, die etwas Bedeutendes bewegen.
Ein Jahr hat 365 Tage und man sollte sich bewusst machen, dass man jeden einzelnen dieser Tage dazu nutzen kann sich zu wandeln. Sich und sein gesamtes Leben, wenn es nötig ist. Und es kann verdammt gut werden. Doch dazu braucht es Sicherheit. Sicherheit in sich selbst.
Als ich gerade durch die Straßen gewandert bin und ich über den gestrigen Tag nachgedacht habe, ist mir aufgefallen wie seltsam bewegend dieser doch war. Nicht aufgrund der Tatsache, dass ich mir einen Teil meiner Dreadlocks abgeschnitten habe, nein viel mehr, weil ich damit berührt wurde wie es ist, wenn Menschen nicht mehr leben wollen. Und wir reden hier nicht von denen die an Krebs oder ähnlichem erkrankt sind, nein wir reden von solchen, die irgendwo mit sich und ihren Gefühlen nicht zurechtkommen. Menschen wie ich.
Auch bei mir gab es immer und immer und immer wieder lange und kurze Phasen, in denen ich den Wert des Lebens nicht erkannte, nicht erkennen wollte. Phasen, in denen mir wirklich tief aus dem Inneren alles egal war, vor allem ich mir selbst. Ja, es gab in diesem, meinem Leben genug Tage, an denen ich zu gerne alles beendet hätte. Es gab ja sowie so keinen Grund wofür es sich hätte zu leben gelohnt. Dieser Wunsch danach das Leben zu beenden, fand schon in jungen Jahren Einzug, genau das auch in die Tat umzusetzen, und mit jedem missglückten Versuch wurde es ruhiger in mir. Das ist der Punkt, wo es auch immer gefährlicher wird, denn mit dieser Ruhe schlich sich die Sicherheit ein. Die Sicherheit, dass es einmal wirklich zu spät sein kann und dann gibt es kein Zurück mehr. Es gibt zich Möglichkeiten das Leben zu beenden, zich Möglichkeiten, dass es auch tatsächlich funktioniert, sodass man es nicht überlebt.
Viele Jahre zuvor habe ich für mein Überleben gekämpft, für andere, weil andere immer wieder gesagt haben, ich sollte nicht, ich kann doch nicht, und was ist denn dann mit denen, die ich zurück lasse. Alles Sachen, die Menschen sagen, weil sie Angst um einen haben. Mit dem Tod gibt es eine Endgültigkeit. Etwas Unumkehrbares. Ich weiß das. Jetzt noch viel mehr, weil einmal mehr in meinem Leben der Tod etwas geworden ist, was man greifen kann. Man kann ihn berühren und er berührt einen. Doch man kämpft nie für andere, man kämpft immer für einen selbst und klar habe auch ich Gründe vorgeschoben warum es doch weiter geht, meist war es der Grund, weil andere meinten, ich sei wichtig und heilend und man bräuchte mich noch, und ich könne einen doch nicht alleine lassen.
Doch jetzt fast ein Jahr später, nach einer meiner schlimmsten depressiven Phasen, weiß ich, dass ich steht’s für mich gekämpft habe. Für die Momente, in denen man sich unheimlich lebendig fühlt, in denen man nur mit sich selbst verbunden ist, denn das ist das Wichtigste überhaupt. Die Verbundenheit mit sich selbst. Denn das ist etwas, was einem niemand jemals im Leben nehmen kann, weil es einem selbst gehört. Es ist unantastbar. Doch das zu begreifen hat mich viele, viele Jahre gekostet und ohne die richtigen Menschen, die ich im Laufe der Zeit getroffen habe, wäre dies wohl noch lange nicht möglich gewesen und ich bin froh darüber. Froh, dass ich jeden Tag neu aufwachen kann, auch wenn nicht jeder Tag immer die schönsten Dinge bereit hält, aber wenn wir an uns glauben, und das sollten wir, dann kann jeder einzelne Tag etwas Besonderes werden.
Als ich vorhin vom Kaffeeholen die Straße zurück zu meiner Wohnung lief und ich die kalte Luft einatmete, habe ich wieder gemerkt wie viel da doch ist. Wie viel da mehr sein kann, auch wenn man nicht immer mit sich und der Welt in absoluter Klarheit steht, aber da ist etwas was einem sagt, dass man hier richtig ist und dass es besser wird, dass man etwas draus machen kann. Und am Ende muss man das für sich machen, für niemanden sonst. Und wie gesagt, ich habe Jahre gebraucht um JETZT an diesem Punkt zu stehen und es war kein einfacher Weg. Was man nie vergessen sollte, auch wenn man das nur für sich tut, gibt es dennoch immer jemanden an der Seite, der da ist, der einen unterstützt in seinen Vorhaben, in seinen Zielen, und auch darin, sich hier in der Welt zurechtzufinden. Und dabei spielt es auch keine Rolle, dass man anders ist, anders denkt oder fühlt.
Was uns stets im Weg steht, ist die Angst. Angst vor unbekannten Sachen, Angst vor Menschen, Angst davor man selbst zu sein und am meisten wohl, die Angst vor Gefühlen. Doch diese Angst kann verschwinden. Zum einen, wenn man beginnt, sich mit Dingen auseinander zu setzen und zum anderen, wenn man sich bewusst macht, dass egal was passiert, man immer nur sich selbst braucht.
Auch ich bin noch lange nicht gesund genug, um dieses Leben vollständig alleine zu meistern, aber ich weiß, dass viele Menschen, denen ich begegne, eine Art Meister für mich sind. Weil sie mir die Dinge vermitteln, die wichtig sind. Wichtig für den Kampf mit mir und der Welt da draußen, um zu erreichen was ich verfolge, um mutiger zu werden und vielleicht sogar erfolgreicher. Aber vor allem, um glücklicher zu werden und zu sagen, dass der Wunsch zu sterben, sich mal ins Knie ficken soll, denn ich bin glücklich darüber lebendig zu sein. Ich bin glücklich darüber bereichern zu können, Horizonte erweitern zu können durch mein Denken, und die Art wie ich bin, aber vor allem, dadurch wie ich fühle.
Jedem der Sterben möchte durch die eigene Hand, werde ich niemals im Wege stehen, aber ich möchte, dass diese Leute wissen, dass da mehr ist als sie glauben, dass da mehr ist wofür es sich lohnt. Und vor allem möchte ich, dass sie wissen, dass niemand alleine auf dieser Welt ist, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Ja, das Leben kann tatsächlich großartig sein, wenn man erkennt für wen das alles passiert, nämlich für einen selbst und man kann das beste Leben überhaupt daraus machen.